Ornithologischer Rundbrief für das Bodenseegebiet Nr. 203 erschienen
Die Ornithologische Arbeitsgemeinschaft Bodensee (OAB) hat ihren 203. Rundbrief herausgegeben. Auf 24 Seiten werden die wichtigsten Beobachtungen aus dem vergangenen Herbst 2011 ausführlich kommentiert, unterlegt mit einigen schönen Vogelfotos aus dem Bodenseegebiet. Schwerpunkt des Rundbriefs ist zum einen der auffällige Einflug von Raubmöwen am Bodensee, mit u.a. 7 Falkenraubmöwen, zum anderen der spektakuläre Kranichzug im Bodenseegebiet mit bis zu 178 Kranichen. Ein ausführlicher Bericht über den Bruterfolg der Weissstörche zeigt, dass dieser elegante Vogel weiterhin Aufwind hat und sich am westlichen Bodensee und im Kanton Thurgau wohl fühlt. In dieser Rundbriefausgabe sind zudem alle Referate und Berichte der Jahresversammlung 2011 der OAB zusammengefasst aufgeführt. Der neue Rundbrief kann nachstehend heruntergeladen werden.
↓↓ OR 203 Herbst 2011 (pdf-Datei, 3,1 Mb)
Überwinternde Grosse Brachvögel am Bodensee im Banne von Frost und Nahrungsdruck
Am 01.02.2012 wurde das bis dahin recht milde Winterwetter abrupt durch nach Mitteleuropa einfliessende Polarluft abgelöst. Mit einem massiven Temperatursturz herrschen seither Temperaturen von -6° bis -16°C im Flachland, begleitet von einer starken, mit bis zu 7 Beaufort wehenden Bise. Die Eisbildung der Seeufer liess nicht lange auf sich warten . Mittlerweile sind schon auch Teile des Bodensees zugefroren, wie z. B. am Untersee, und die Böden sind weiterhin schneebedeckt sowie pickelhart gefroren. Dies sind ausgesprochen schlechte Zeiten für Vögel, insbesondere auch für jene Wintergäste, welche das Winterhalbjahr im sonst klimatisch gemässigten Bodenseeraum verbringen.
Der Grosse Brachvogel z. B. hat in den letzten 50 Jahren parallel zur Klimaerwärmung als Wintergast am Bodensee wie auch an anderen Stellen in der Schweiz deutlich zugenommen. Dies wurde in den Jahren 1999-2003 mit einem bodenseeweiten Projekt mit wöchentlichen Zählungen an den Schlafplätzen des Brachvogels aufgezeigt.
Derzeit verbringen jedes Jahr mehr als 1000 Brachvögel den Winter am Bodensee. Tagesplätze zur Nahrungssuche und Schlafplätze liegen meist in unmittelbarer Nähe, damit möglichst wenig Energie für weite Flugstrecken verbraucht wird. Solche Orte liegen im Vorarlberger Rheindelta (mit bis zu 1200 Ind.), im Gebiet zwischen Arbon und Engach (grösster Schlafplatz der Schweiz mit bis zu 850 Ind.), im Ermatinger Becken/Wollmatinger Ried (mit bis zu 250 Ind.) und bei Moos-Iznang(mit bis zu 160 Ind.). Frost und Schneelagen beeinflussen das Verhalten der Brachvögel erheblich und erschweren die Nahrungssuche ganz massiv. Die Hauptnahrung der Brachvögel besteht aus Regenwürmern, die sich bei Frost in tiefere, selbst mit den langen Bogenschnäblen nicht mehr erreichbare Schichten zurückziehen.
Der durch Frostphasen verursachte Nahrungsdruck führt Brachvogel oft in Siedlungsnähe, wo die etwas wärmere Umgebung besseren Zugang zu Nahrungsquellen verspricht. So hielten sich am 04.02.2012 bei Arbon TG rund 95 Brachvögel mitten in einem Wohnquartier auf einer Wiese auf. Als einzige Nahrung konnten kleine Beutestücke von 1-2 cm Länge beobachtet werden, wie erwartet aber keine Regenwürmer. Dabei könnte es sich um die Larven der Kohlschnake (Tipulidae spec.) handeln, wie sie als Nahrung in verschiedenen Untersuchungen ebenfalls nachgewiesen wurde oder auf dem nebenstehenden Foto vom 04.02.2012 bei Arbon TG möglich erscheint. Die Larven der 2. Generation überwintert im Boden (siehe Kohlschnake).
Neben ausrreichenden Nahrungsquellen sind auchin der Nähe liegende, ruhige und geschützte Plätze wichtig, an denen die Brachvögel gemeinsam die Nacht verbringen können. Die traditionell bekanntesten Schlafplätze liegen im Bereich der Mündung des Alpenrheins in den Bodensee, im Ermatinger Becken und im Flachwasser zwischen Arbon und Egnach. Die Vögel stehen dabei im Flachwasser, nicht selten bis zum Bauchgefieder im Wasser. Das Aufsuchen dieser Schlafplätze steht in Abhängigkeit vom Wasserstand. Bei einem Wasserstand von über 340cm (Pegel Konstanz) sind die meisten Flachfer überschwemmt und als Schlafplatz nicht benutzbar. Dasselbe geschieht auch bei einer Vereisung der Uferzonen, so, wie das im Moment der Fall ist. Aussergewöhnlich ist daher die Annahme der Eisfläche als Schlafplatz, wie das bereits in früheren Wintenr (z. B. 2003) bei Frasnacht-Egnach TG gesehen wurde. Am 04.02.2012 versammelten sich nach 17:15 Uhr 545 Grosse Brachvögel auf dem Eis bei Frasnacht, und dies bei Temperaturen um -8°C und einer sehr starken Bise von 4-6 Beaufort. Dabei kamen innerhalb einer Stunde kleinere und grössere Trupps von Westen und Osten tief angeflogen.
Starker Einflug von Falkenraubmöwen am Bodensee
Seit den ersten Septembertagen 2011 halten sich mehrere Raubmöwen auf dem Bodensee auf. Am 06.09.11 entdeckten S. Stricker und D. Riederer von Romanshorn aus gegen Seemitte 4 Falkenraubmöwen, 1 Schmarotzer- und eine unbest. juvenile Raubmöwe. In den folgenden Tagen wurden diese Beobachtungen von anderen Ornithologen bestätigt. Die Anzahl der beobachteten und durch Fotos belegten Falkenraubmöwen stieg von 5 Ind. am 07.09.11 (S. Werner) auf bis zu 7 Ind. am 11.09.11 (E. Christen, N. Orgland, J. Hochuli, S. Werner) an. Dank der Initiative einiger junger Ornithologen um Nikolai Orgland erfolgten die Beobachtungen von einem gemieteten Kleinmotorboot aus, mit dem die Gruppe die Seemitte ansteuerte und so den Raubmöwen auf die Spur kam. Mehrere andere Beobachter nutzten danach diese Erfahrung mit dem Boot ebenfalls und kamen so zu weiteren Raubmöwen-Nachweisen (weiterhin bis zu vier Falkenraubmöwen, mind. 1 Schmarotzerraubmöwe sowie eine unbest. Raubmöwe) in Mitte des internationalen Bodensees (Kondominium). Die bisher letzte Beobachtung gelang S. Trösch am 17.09.11 vom Ufer aus bei Güttingen TG mit 2 jagenden juvenilen Falkenraubmöwen. Quelle der Beobachtungsdaten: www.ornitho.ch. Herzlichen Dank an Christian Beerli und Eric Christen für die Zurverfügungstellung ihrer Fotos.
Dieser Einflug von Raubmöwen, speziell der Falkenraubmöwe, am Bodensee, steht offenbar im Zusammenhang mit einem ausserordentlich guten Bruterfolg. In Skandinavien soll es das beste Lemmingjahr seit 1978 gegeben haben (N. Orgland, briefl., in Club300 CH). Im September 2011 erfolgte in Spanien eine regelrechte Invasion mit weit über 1000 (!) Falkenraubmöwen – siehe Rare Birds in Spain: recent Reports – offenbar auch in Italien am Gardasee wurde diese Art beobachtet.
In Europa kommen vier Raubmöwenarten vor: die Skua (als grösster Vertreter), die Spatelraubmöwe, die Schmarotzerraubmöwe und die Falkenraubmöwe (als kleinster Vertreterin dieser Gruppe). Das Brutgebiet dieser vorwiegend auf dem Meer lebenden Vögel liegt an den Küsten Nordeuropas. Alle Arten sind in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland schon nachgewiesen worden, so auch am Bodensee, zählen aber zu den ornithologischen Seltenheiten. Die Bestimmung dieser sehr ähnlichen Arten, mit zudem im selben Alterskleid unterschiedlichen Farbmorphen erfordert gute Kenntnisse und Erfahrung. Sämtliche Beobachtungen aller Arten sind daher bei den zuständigen avifaunistischen Kommissionen protokollpflichtig.
Ornithologische Bootstouren haben z.B. auf dem Genfersee seit Jahren Tradition, weshalb auf diesem grössten Schweizer Gewässer auch die meisten Nachweise von Raubmöwen stammen. Am Bodensee konnte eine herbstliche Überfahrt auf der Fährlinie Romanshorn-Friedrichshafen immer zu überraschenden Beobachtungen in Seemitte führen. Ständige Begleiter während den Bootstouren im September 2011 waren in Seemitte z. B. einzelne Schwarzkopfmöwen, Trauer- und Flussseeschwalben und bis zu 15 Zwergmöwen am 14.09.11.
Notizen zum Vorkommen des Orpheusspötters in der Schweiz und im Bodenseegebiet
In der Avifauna der Schweiz (WINKLER, 1999) wird der Orpheusspötter (Hippolais polyglotta) als ein “in Ausbreitung befindlicher Sommervogel” beschrieben, mit Verbreitungsschwerpunkten im Süden der Schweiz (Kantone Tessin, Wallis und Genf). Der Erstnachweis einer Brut gelang 1960 im Tessin, ihm folgte das Wallis (1970) und der Waadt (1983). Im Dreiländereck bei Basel zeichnete sich seit ab den 1980er Jahren ebenfalls ein regelmässiges Vorkommen ab, während aus der Ostschweiz damals nur sporadische Frühjahrsbeobachtungen vorlagen (MAUMARY et al., Die Vögel der Schweiz, 2007).
Im Bodenseegebiet wurde der Orpheusspötter erstmals 1983 nachgewiesen (Vorarlberger Rheindelta), danach bis 1998 nicht alljährlich während dem Frühjahr und Sommer (HEINE et al., Die Vögel des Bodenseegebietes, 1999).
Gemäss den “Rundbriefen für das Bodenseegebiet” Nr. 153 – 199 der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Bodensee wurde der Orpheusspötter ab 1999 im Bodenseegebiet wie folgt festgestellt (vorbehältlich der Anerkennung durch die zuständigen avifaunistischen Kommissionen, sofern nicht schon bearbeitet oder veröffentlicht):
1999 – 2 Nachweise im Juni (Radolfzeller Aachried und Moos)
2000 – 1 Nachweis im Juni bei Oberteuringen
2001 – 2 Nachweise im Mai (Rielasingen und Singen)
2002 – Einflug mit Beobachtungen an 10 Orten und Brutverdacht
2003 – 2 Nachweise im Rheindelta
2004 – 2 Nachweise im Mai/Juni (Hegau und Rheindelta, dort sogar 2 Ind.)
2005 – 17 Nachweise im Mai/Juni an 8 Orten, u. a. 2 Ind. im Rheindelta
2006 – 5 Nachweise, u. a. 3 Sänger im Rheindelta
2007 – keine Nachweise
2008 – keine Nachweise
2009 – 2 Nachweise im Rheindelta, zudem erster Nachweise im Kanton Schaffhausen (Blogartikel)
2010 – 1 Nachweis aus dem Raum Markelfingen
2011 – Bisher Nachweise vom Rheindelta, Weitenried (Steisslingen), Mindelsee, von Ravensburg-Oberzell, aus dem Hegau sowie ein 2. Nachweis im Kanton Schaffhausen.
Die dezent spürbar laufende Expansion des auf der iberischen Halbinsel, Frankreich, Italien und Nordafrika verbreitet vorkommenden Orpheusspötters in östliche Richtung scheint parallel mit der Klimaerwärmung auch zunehmend den Gelbspötter aus Mitteleuropa (wo er seine westliche Verbreitungsgrenze hat) zu verdrängen. In “Die Vögel der Schweiz” (MAUMARY et al., 2007) wird der Gelbspötter “anfangs des 20. Jahrhunderts noch als Charaktervogel der Gärten, Obstanlagen und des buschreichen Geländes” angenommen. Die Verbreitungskarte des Gelbspötters zeigt für die Schweiz eine Konzentration der Beobachtungen auf die Ostschweiz, während der Orpheusspötters bereits die West- und Südschweiz zu besiedeln begann. Auf www.ornitho.ch können die aktuellen Beobachtungen in der Schweiz für den Juni 2011 verfolgt werden (siehe nachstehende Kartenextrakte aus ornitho.ch).
Sumpfrohrsänger Acrocephalus palustris, 11.06.2011, Vorarlberger Rheindelta/Rohrspitzgrund (Video S. Trösch). Es wird empfohlen, zur besseren Videoqualität den HD-Modus anzuwählen. [update 18.06.2011]
Nach einer Diskussion (u. a. im Club300 Austria) mit erfahrenen Ornithologen handelt es sich beim Vogel im Videoclip um einen Sumpfrohrsänger und NICHT Orpheusspötter, wie zunächst an dieser Stelle beschrieben.
Die nachstehende Begründung (unter Anfügung einer weiteren Aufnahme des betreffenden Vogels von Markus Tobler vom 10.06.2011 an der gleichen Stelle) stammt vom schweizer Ornithologen Paul Mosimann-Kampe:
«Es handelt sich um einen Sumpfrohrsänger und zwar aus folgenden Gründen:
Struktur: die HS-Projektion ist zu lang und insbesondere die Flügelformel ist diejenige eines langflügligen Rohrsängers und keinesfalls die eines OS. Es ragen min 6, wohl eher 7 HS-Spitzen über die Schirmfedern hinaus (bei OS 5). Das Schwanzende ist stark abgerundet (bei OS gerade). Die Unterschwanzdecken sind lang, über die Hälfte des sichtbaren Unterschwanzes. Färbung: verschiedene Details, die auf SRS und nicht auf OS passen, z.B. Andeutung eines dunklen Zügelstreifs, helle HS-Spitzen und deutlich hell gesäumte Schirmfedern, komplette Absenz von Gelb in Gesicht und Unterseite, Beinfarbe. Gesang: repetitiv mit erkennbaren Imitationen und wechselnder Geschwindigkeit, es fehlt das hetzende, quirlige Geschwätz und die nach meiner Erfahrung immer irgendwie eingeflochtenen zeternden Spatzentöne des OS.» [ergänzender Artikelbeitrag vom 18.06.2011].
Das nachstehende Foto mit Audioaufnahme war bis zum 19.06.11 auf der rechten Spalte positioniert und wird – angesichts der Bestimmungsthematik – neu hier eingefügt.

Sumpfrohrsänger, und nicht wie ursprünglich angegeben ein Orpheusspötter (Foto und nachstehende Audioaufnahme vom 05.06.2011, Rheindelta, S. Trösch).
Aktuell starker Durchzug des Bruchwasserläufers (Tringa glareola) im Bodenseegebiet
Seit Wochen ist kaum mehr Regen gefallen, die Pegel der Flüsse und Seen sind am Sinken und in den landwirtschaftlichen Kulturen muss künstlich bewässert werden, was für den April sehr selten ist. Der Wasserstand am Bodensee steht derzeit bei 282cm (Pegel Konstanz), was im ganzen Seegebiet freigesetzte Uferstellen mit Schlick, Schlamm oder Kies bedeutet – ideale Bedingungen für rastende Limikolen. Aus den täglich aktuellen Beobachtungsmeldungen in www.ornitho.ch kann z. B. der Zug verschiedener Watvogelarten verfolgt werden, so auch beim Bruchwasserläufer Tringa glareola. Diese Art zieht regelmässig durch das europäische Binnenland. Am Bodensee verläuft der Heimzug im Frühjahr gegenüber dem Herbstzug wesentlich schwächer. Die neueren Maximalwerte für das Bodenseegebiet lagen bisher bei 52 Ind. am 25.04.1985 an der Radolfzeller Aachmündung, 35 Ind. am 4.5.1987 im Vorarlberger Rheindelta, 32 Ind.am 10.05.1989 im Eriskircher Ried und 38 Ind. 03.05.1990 im Ermatinger Becken. Die Höchstzahlen im Herbst liegen bei 81 Ind. am 02.03.1983 im Wollmatinger Ried und 72 Ind. am 28.08.1990 im Rheindelta (HEINE, JACOBY, LEUZINGER & STARK, 1999, Die Vögel des Bodenseegebietes, S. 436).
Der Heimzug 2011 des Bruchwasserläufers begann am Bodensee anfangs April mit einzelnen Ind. und setzte sich in den Folgetagen unauffällig fort. Am 18.04.2011 gab es mit 27 Ind. an der Radolfzeller Aachmündung den ersten grösseren Trupp (H. Reinhardt), mit einem zunehmenden Verlauf in den folgenden Tagen und dem verstärkten Auftreten an verschiedenen Stellen. Die nebenstehende Karte zeigt die Verteilung der aktuell heimziehenden Bruchwasserläufer anhand der Zufallsdaten in www.ornitho.ch.
Gemäss www.ornitho.ch ergeben sich für das Bodenseegebiet beim Bruchwasserläufer aktuell folgende Zahlen:
19.04.2011 = 47 Ind. im ganzen Bodenseegebiet (drei Orte)
21.04.2011 = 78 Ind. im ganzen Bodenseegebiet
22.04.2011 = 201 Ind. im ganzen Bodenseegebiet
23.04.2011 = 285 Ind. im ganzen Bodenseegebiet
24.04.2011 = 305 Ind. im ganzen Bodenseegebiet (max. 105 Ind. im Eriskircher Ried)
Diese grossen Rastgesellschaften sind für das Frühjahr aussergewöhnlich.
Erneuter Wintereinbruch — Zugstau bei Kiebitzen, Feldlerchen & Co.
Viele Menschen haben sich am Morgen des 20.02.2011 wohl die Augen gerieben, als bis in tiefe Lagen einige Zentimeter Schnee gefallen sind und sich der Winter zurückgemeldet hat. Wir erinnern uns an die ersten Märztage im vergangenen Jahr, als ein Wintereinbruch mit Schnee, Frost und einer harten Bise viele Vögel auf ihrem Heimzug zur Umkehr zwang. Kiebitze waren damals ebenso betroffen, wie Tausende von Drosseln und anderen Kleinvögeln. Siehe: http://shorebirder.wordpress.com/2010/03/07/schneeflucht-am-bodensee-mit-vielen-drosseln/
Am 19.02.2011 wurde im Vorarlberger Rheindelta bereits ein rastender Kiebitztrupp von 400- 500 Ind. gemeldet (A. Schönenberger, N. Orgland, A.&M. Breier in www.ornitho.ch), der sich auch noch am Folgetag dort aufhielt. Am 21.02.11 häuften sich die Meldungen über ziehende/rastende Kiebitze. S. Trösch konnte an der RadolfzellerAachmündung bei Moos 368 Kiebitze beobachten, zuvor schon 135 Ind. bei Dörflingen SH und M. Roost zählte 82 Ind. bei Guntmadingen im Schaffhauser Klettgau. Am 22.02.2011 wurden bei weiterhin winterlichen Verhältnissen und bei teilweise gefrorenen Böden viele Trupps zur Rast gezwungen, z. B. 402 Ind. bei Dörflingen SH und 282 Ind. im Radolfzeller Aachried (S. Trösch), 420 Ind. bei Frauenfeld (H. Leuzinger), 480 Ind. im Ermatinger Becken (S. Trösch) und 128 Ind. im Eriskircher Ried (G. Knötzsch). Unter dem Einfluss von aus Nordeuropa strömender Kaltluft sanken die Temperaturen nochmals kräftig, im Bodenseegebiet am 23.02.11 bis -11°C und in der Region Schaffhausen bis -7°C. Im Hegau gab es am 23.02.2011 an mehreren Stellen Beobachtungen von rastenden Trupps mit 90-340 Ind. (J. Marschner, S. Trösch), im Radolfzeller Aachried waren immer noch 120 Ind. und bei Schlatt TG (westlich Schaffhausen) wurde ein rastender Trupp mit 400-500 Ind. gesehen (P. Monhart, R. Steinemann, G. Lang). Sämtliche Beobachtungsdaten aus www.ornitho.ch.
Über www.ornitho.ch können die aktuellen Beobachtungen und Zugbewegungen in der Schweiz und im grenznahen Ausland online mitverfolgt werden. Spezielle Verbreitungskarten – wie z. B. beim Kiebitz – zeigen täglich die beobachteten Heimkehrer an, so wie sie als Zufallsbeobachtungen eingegeben werden. Die Karte zeigt derzeit ein massiertes Auftreten des Kiebitz in der Nord-Ostschweiz. Auch andere jetzt ziehende Arten zeigen Stauverhalten. Bei der Feldlerche z. B. konnte S. Trösch in diesen Tagen an mehreren Orten zwischen Bodensee und Schaffhausen Trupps von 500-1000 Ind. beobachten.
Extreme Schnee- und Frostverhältnisse machen den Wintergästen zu schaffen
Seit rund vier Wochen führt ein überaus harter Winter das Regime über Landschaft, Tier und Mensch. Die Bodenseeregion ist mit Temperaturen von bis zu -15°C betroffen, mit gefrorenen Böden und tief verschneiten Landschaften. Die Kälte hat inzwischen viele Uferstreifen und Flachwasserzonen des Bodensees zufrieren lassen. Zudem ist der Wasserstand rund einen halben Meter höher als in anderen Wintern (Pegel Konstanz am 28.12.2010 bei 323 cm), was für die überwinternden Wasservögel zusätzliche Probleme für die Nahrungssuche bedeutet. Das zunehmende Auftreten von Zwergsägern lässt auf einen weiterhin strengen Winter schliessen.
Singschwäne weichen auffällig an verschiedene Bereiche des Sees aus, um an günstige Nahrungsquellen in noch wenig vereisten Flachwasserzonen zu kommen (siehe Bild von www.ornitho.ch). Für die überwinternden Limikolen, wie z. B. Alpenstrandläufer (siehe Bild oben) oder Grosse Brachvögel kann es kritisch werden. Im Gebiet um Moos-Radolfzell am westlichen Bodensee sind kaum noch Brachvögel an ihren Tagesplätzen zu sehen, während die Schlafplatzgesellschaft bei Egnach-Arbon am schweizerischen Obersee mit rund 800 Ind. (26.12.2010) weiterhin einen sehr hohen Bestand aufweist. Die seenahen Tagesplätze sind dort vor Weihnachten kurzfristig aufgetaut (20.12.2010), um danach – wie überall – wieder zu hart gefrorenen und schneebedeckten Böden zu werden. Unglaublich, wie es die Brachvögel trotzdem schaffen, im 20-30cm tiefen Schnee mit ihren Bogenschnäbeln an Regenwürmer zu kommen! Aktuell dürfte sich der Bestand an überwinternden Brachvögeln in der Schweiz und im Bodenseegebiet auf rund 1200-1300 Ind. belaufen!
Reichlich später als sonst wurde der erste Eistaucher in diesem Winter am Bodensee entdeckt (Arbon, 19.12.2010, S. Stricker). Der Vogel hält sich immer noch im Uferbereich vor Arbon TG auf. Auf der «Seetaucherstrecke» (zwischen Uttwil und Münsterlingen) halten sich derzeit etwa 20-30 Prachttaucher auf, rund ein dutzend Rothalstaucher und bis zu 9 Ohrentaucher (28.12.2010, S. Werner). Am Stephanstag sind die ersten Saat- und Blässgänse im Bodenseegebiet entdeckt worden (Vorarlberger Rheindelta, M. Lang), während eine Gruppe von 13 Zwergschwänen bereits seit dem November am Bodensee weilt. Der erwartete (und erhoffte) Einflug von Seidenschwänzen bleibt vorerst aus. Nach wenigen Einzelbeobachtungen in der Schweiz und einem Ind. am Seerhein bei Gottlieben TG am 21.12.2010 (S. Werner) gelang am 28.12.2010 auch im Rheindelta eine erste Sichtung (4 Ind. am Rohrspitz, M. Breier) sowie bei Dachsen SH einer (R. Brunschwiler). In Schaffhausen wurde dieser Tage ein völlig ausgehungerter Mäusebussard gegriffen (M. Roost, mündl.). Solche Ereignisse dürften in den nächsten Tagen bei unveränderter Witterungslage zunehmen.
Spornammern im Vorarlberger Rheindelta – Invasionsartiger Einflug in Europa
Die SPORNAMMER Calcarius lapponicus ist ein verbreiteter Brutvogel rund um den Nordpol, mit der Nominatform zwischen Südnorwegen und dem Mündungsgebiet der Kolyma (Russland) sowie mit vier Unterarten, z. B. C. l. subcalcaratus in Grönland und Nordkanada. Im europäischen Binnenland ist die Spornammer ein sehr seltener Durchzügler und Wintergast. In der Schweiz z. B. gab es bis in die jüngste Zeit etwa 30 Nachweise (MAUMARY et al., Die Vögel der Schweiz, 2007). Aus dem Bodenseegebiet lagen bis Ende der 1990er Jahre 13 Beobachtungen vor, nahezu alle aus dem Vorarlberger Rheindelta (HEINE et al., die Vögel des Bodenseegebietes, 1999). Die Daten liegen ausnahmslos zwischen September und November.
Einem Kurzartikel in www.ornitho.ch vom 27.09.10 ist zu entnehmen, dass seit Ende August offenbar eine Invasion der Spornammer in Europa stattfindet, mit ungewöhnlich hohen Zahlen im Nordwesten, mit z. B. 120 Ind. am 31.08.10 auf Heimaey/Island, 185 Ind. am 01.09.10 bei Fair Isle/Shetland und etwa 30 Ind. am 16.09.10 auf Ouessant/Frankreich. Bereits 40 Ind. hätten Spanien erreicht.
Parallel mit dieser Entwicklung wurde am 18.09.10 im Vorarlberger Rheindelta im Mündungsgebiet des Rheins auf dem rechten Damm 1 Ind. entdeckt (M. & A. Breier, D. Hercigonja), tagsdarauf am 19.09.10 waren dort 2 Ind. zu sehen und am 26.09.10 hielten sich bereits 7 Ind. an gleicher Stelle auf (S. Werner, K. Varga, A. Schönenberger u. a.). Seither liegen fast durchgehend Beobachtungen von 1-3 Ind. vom rechten Rheindamm vor, am 29.09.10 waren 4 Ind. zu sehen (G. Segelbacher, S. Trösch, J. Ulmer u. a.). Bei diesen Individuen handelte es sich um ein Männchen und zwei Jungvögel. Die weitere Entwicklung ist abzuwarten. Eine Nachsuche in anderen günstigen Gebieten und Stellen dürfte sich im Moment lohnen. In der Zwischenzeit haben schon zahlreiche Beobachterinnen und Beobachter die Spornammern im Rheindelta aus nächster Nähe studieren können.
Bienenfresser als neuer Brutvogel im Kanton Schaffhausen und in Vorarlberg (A)
Der Bienenfresser Merops apiaster zählt seit 1991 zu den regelmässig brütenden Vögeln in der Schweiz. Bis ins Jahr 2004 wurden 12 Brutorte erfasst (MAUMARY et al., Die Vögel der Schweiz, 2007). Im Kanton Schaffhausen gab es bis anhin nur sehr wenige Einzelbeobachtungen von Durchzüglern. Im Sommer 2010 gelang nun der erste Brutnachweis. Im benachbarten Hegau, auf deutschem Boden, gab es früher schon vereinzelte Bienenfresser-Bruten, bzw. Brutversuche, so dass die schaffhauser Brut in einem günstigen Habitat kein Zufall ist. Nach 7 ostwärts ziehenden Bienenfressern am 05.06.10 im Klettgau, wurden an anderer Stelle im Kanton im Laufe des Juli mehrmals Einzelvögel gesehen. Bei einer gezielten Nachsuche wurde dann der Brutplatz entdeckt. Aus Schutzgründen wurden die Meldungen bis zum Ende der Brutzeit (22.08.10) nicht veröffentlicht. Drei adulte Vögel fütterten von Mitte Juli bis zum 21.08.10 intensiv an zwei Brutröhren. Am 22.08.10 wurden 7 Ind. (wahrscheinlich 3 ad. + 4 juvenile) über dem Brutgebiet fliegend gesehen, bzw. Richtung Süden abziehend.
Im österreichischen Bundesland Vorarlberg gab es im sommer 2010 auch den ersten Brutnachweis. Die Art ist bisher in Kärnten, im Burgenland, Wien, Nieder- und Oberösterreich als Brutvogel in kleineren Kolonien etabliert (E. Albegger, briefl.). Im Rheindelta wurden im Juni bis zu 15 Bienenfresser gesehen. An mehreren Stellen wurden Brutröhren vorangetrieben. Ein erster Brutplatz wurde im Juni aufgegeben und rund einen Kilometer entfernt entstanden neue Brutröhren. Nachdem der Brutverlauf bei mehreren Paaren günstig aussah, wurde der eine Brutplatz durch einen Bagger zerstört und der andere wurde im August wahrscheinlich von einem Fuchs ausgegraben, was leider das Aus bedeutete.
Die Zunahme der Bruten im mitteleuropäischen Binnenland erfolgt parallel mit der Klimaerwärmung, so dass an günstigen Orten (z. B. Trockengebiete im Hegau und Kanton Schaffhausen) wieder mit Brutansiedelungen zu rechnen ist.
Fotos und Videoaufnahmen entstanden mit Digiscoping aus einer unproblematischen Distanz von 50-100 Metern.
Bienenfresser, 17.08.2010, Kanton Schaffhausen
Video in Flickr von Stephan Trösch. Zu sehen ist eine Fütterung sowie drei flügge Jungvögel, ferner auch eine weibliche Goldammer in Röhrennähe. Empfehlung: Vollbild-Modus (4-Pfeile-Symbol rechts unten im Clip) sowie HD-Modus verwenden.
Abschluss der Wasservogelzählungen 2009/2010
Am heutigen Sonntag, 18.04.2010, wurden am ganzen Bodensee zum letzten Mal in der Saison 2009/2010 die Wasservögel gezählt. Mein Zählgebiet liegt zwischen Uttwil und Münsterlingen, am schweizerischen Obersee, unter Ornithologen auch bekannt als die “Seetaucherstrecke”. Angesichts der günstigen Wetterlage und dem erwarteten Bootsverkehr war ich bereits nach sieben Uhr im Gebiet, das sich nun ohne die winterlichen Vogelmassen (v. a. Blässhühner, Reiher- und Tafelenten) präsentierte. Interessanterweise waren rund 650 Haubentaucher auf der Zählstrecke, jedoch zu 95% über einen Kilometer weit draussen auf dem See. Vor den Schilfzonen waren nur wenige balzende Paare zu sehen. Zwischen Güttingen und Uttwil hielten sich noch 29 Prachttaucher auf, die meisten im Prachtkleid. Auch von den mind. 3 überwinternden Eistauchern waren heute 2 immat. zu sehen, für einmal in günstiger Distanz für das Digiscoping. Die nächste Zählsaison beginnt im September 2010.
Auffällig waren am Seeufer bei Kesswil ein Trupp von mind. 60 Schafstelzen (M.f.flava) sowie als kleine Überraschung an gleicher Stelle 4 ♂ Ortolane. Auf dem Heimweg suchte ich noch einige Äcker ab und entdeckte tatsächlich zwischen Güttingen und Kesswil einen Brachpieper und einen Steinschmätzer. Mein erster Frühlingsbesuch im Wollmatinger Ried bescherte mir einen Baumfalken und eine 2Y Kornweihe, ferner auch je einen singenden Schilfrohrsänger, Rohrschwirl und Grauspecht. Im Ermatinger Becken waren mind. 17 Grünschenkel, 1 Regenbrachvogel und 32 Grosse Brachvögel zu sehen.
Den angenehmen und recht milden Frühlingstag schloss ich mit einem Besuch der Radolfzeller Aachmündung bei Moos ab. Einige Limikolen, wie 9 Grünschenkel, 1 Rotschenkel, 2 Bruchwasserläufer, 1 Waldwasserläufer, 1 Kampfläufer und 3 Flussregenpfeifer, waren anwesend sowie ein ♂ Blaukehlchen, das sich leider nur kurz am Schilfrand zeigte.
4. Brutvogelkartierung im Bodenseegebiet angelaufen
Nach 1980-1981, 1990-1992 und 2000-2002 werden in den Jahren 2010/2011 zum vierten Mal im gesamten Bodenseegebiet auf rund 1200 km² die Brutvögel kartiert. Unter der aktiven Mitwirkung von vielen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Bodensee (OAB) ist jetzt Ende März mit der Erfassung von singenden Vögeln begonnen worden, mit weiteren vier Begehungen/Erfassungen bis Ende Mai/anfangs Juni. Die Methodik basiert auf der Erfassung aller revieranzeigenden Vögel innerhalb eines 2x2km grossen Quadrates (Linientaxierung), in dem nach fünf Kartierungsgängen (März-Mai) alle Biotope und rund 50% der Gesamtfläche von 4 km² erfasst worden sind. Der Bestand jeder registrierten Vogelart wird danach auf die Gesamtfläche hochgerechnet, wobei auf die unterschiedlichen Reviergrössen, das relative Vorkommen in Biotopen und die Gesangsintensität der einzelnen Arten geachtet werden muss.
Die Ergebnisse der Kartierungen 1980-81 und 1990-92 wurden in den Avifaunen “Die Vögel des Bodenseegebietes” (SCHUSTER et al. 1983, und HEINE et al. 1998/1999) veröffentlicht. Die Ergebnisse der letzten Kartierung in den Jahren 2000-02 mit der Auswertung von über 150 Brutvogelarten wurde in einem 167-seitigen pdf-Dokument auf der Website der OAB veröffentlicht und kann am Ende dieses Artikels heruntergeladen werden.
Nachstehend die Ergebnisse der Kartierung 2000-2002 von vier ausgewählten Arten:
- Feldlerche
- Haussperling
- Mönchsgrasmücke
- Waldlaubsänger
Fazit ist, dass sich die Langstreckenzieher (wie z. B. Waldlaubsänger, Fitis, Gelbspötter, Feldschwirl) weiterhin aus dem Bodenseegebiet zurückziehen, Offenlandvögel weiterhin z. T. dramatische Bestandeseinbussen erlitten und Bodenbrüter (wie z. B. Feldlerche und Fitis) in den meisten Fällen rückläufige Bestände aufweisen. Andere Arten, wie z. B. die Mönchsgrasmücke (Kurzstreckenzieher, Baumbrüter) haben signifikant zugenommen, während die Gartengrasmücke (Langstreckenzieher, Baumbrüter) rückläufig ist. Überraschend ist ferner der drastische Bestandesverlust beim Haussperling, der bis anhin häufigsten Vogelart im Bodenseegebiet.
Die 4. Brutvogelkartierung wird nun – nach zehn Jahren wieder – aufzeigen, inwiefern und bei welchen Arten Veränderungen eingetreten sind.
↓↓ Brutvogelatlas Bodensee 2000 (pdf-Datei, 4.91 Mb)
Morgenstimmung bei Moos mit Fischadler & Co.

Blick von Moos auf die Insel Reichenau und die Allgäuer Alpen/Vorarlberge am 27.03.2010 (Foto S. Trösch)
Der Temperatursturz der letzten Tage von 22°C auf rund 7°C zeigte an, dass sich der Winter nur ungern verabschieden will. Bei frischen Temperaturen und wechselhafter Witterung mit Sonne und Regentropfen heute Samstagmorgen, 27.03.2010, beobachtete ich wie so oft auf dem Bootssteg bei Moos / Radolfzeller Aachmündung und genoss die wunderschöne Stimmung. Auf dem Bootssteg empfingen mich um 07:20h etwa 20 auf dem Geländer sitzende Rauchschwalben, die später dann über dem Wasser nach Insekten jagten. Schmelzwasser und Regen der letzten Tage hatte den Bodenseewasserstand um rund 20cm ansteigen lassen, was sich im Gebiet an der Aachmündung mit geschrumpfter Sandbank und schmalerem Schlickstreifen vor dem Schilfrand niederschlug (Bodensee-Pegel Konstanz bei 293cm). Das Blaukehlchen zeigte sich heute Vormittag nicht, vielmehr waren es etwa 8 Rohrammern und rund 10 Zilpzalpe, die sich in dieser Zone aufhielten. Auf der Sandbank war eine kleine Limikolenparade mit 7 Alpenstrandläufern, 6 Kiebitzen, 4 Kampfläufern, 3 Flussregenpfeifern (z. T. balzend) und 4 Grossen Brachvögeln zu sehen, ein Silberreiher sass stoisch am Schilfrand und unweit davon zeigte sich erneut ein männlicher Fasan. Das wiederholte Absuchen des Horizontes nach ziehenden Vögeln wurde mit der Entdeckung eines um 08:50 Uhr durchziehenden Fischadlers “belohnt”. Er zog tief über das Gebiet und passierte Radolfzell in Richtung der Halbinsel Mettnau. Weiterhin auffällig ist der grosse Trupp Schwarzhalstaucher (heute mind. 122 Ind.), mit vielen balzenden Paaren. Ferner ist der junge Zwergschwan immer noch anwesend. Er hat den Abzug der im Ermatinger Becken überwinternder Familie offenbar verpasst oder scheint geschwächt zu sein. Ob er bei Moos übersommern wird? Neben diesem vielfältigen Vogelgeschehen mit über 45 beobachteten Arten war die landschaftliche Stimmung ebenso beeindruckend, indem die ungewohnt und föhnbedingt sehr nahe liegenden Allgäuer Alpen (wahrscheinlich) mit der Insel Reichenau wie verschmelzt erschienen.
Der Fischadler kann auf dem Heimzug ab Mitte März beobachtet werden, mit einem Gipfel in der ersten Aprilhälfte und einem bis in den Mai hinein andauernden Zug. Aus dem Bodenseegebiet liegen aus den vergangenen Jahren sogar ein paar Juni-Nachweise vor.
Die nebenstehende Karte zeigt die bisher auf dem Heimzug 2010 beobachteten Fischadler in der Schweiz (Quelle: www.ornitho.ch).
Einzug sensibler Brutvögel im Klettgau Schaffhausen
Der Klettgau im Kanton Schaffhausen ist bekannt durch das seit anfangs der 1990er laufende – und ab 2007 vorübergehend ausgesetzte – Wiederansiedelungsprojekt für das bedrohte Rebhuhn. Die seither unter intensiven Bemühungen der Vogelwarte Sempach, des Kantons Schaffhausens und in Zusammenarbeit mit vielen Landwirten entstandenen ökologischen Ausgleichsflächen haben nicht nur für das Rebhuhn wichtige Lebensräume geschaffen, sondern nach und nach auch sensible Singvögel angezogen. Dieser Tage ist das Schwarzkehlchen wieder eingetrofffen (am 25.03.10 sind 9 Ind. in etwa sieben Revieren anwesend) und auch die ersten Grauammern machen mit ihrem eigentümlichen Gesang auf sich aufmerksam. In den Feldfluren singen seit geraumer Zeit zahlreiche Feldlerchen und im Laufe der nächsten Wochen dürften weitere interessante Brutvögel im Gebiet eintreffen.
Die nachstehenden Karten zeigen die aktuellen Beobachtungen (bis 25.03.2010) des Schwarzkehlchens und der Grauammer in der Schweiz. Beachte die lückenhafte, an besondere Biotopformen (z. B. Buntbrachen mit Büschen) gebundene Verbreitung der Grauammer. Quelle: www.ornitho.ch.
“ornitho.de” – in Deutschland bald online
Die Online-Eingabeplattform www.ornitho.ch für Vogelbeobachtungen hat sich in der Schweiz bestens etabliert. Über 2’700’000 Einzeldaten sind bereits in der Datenbank aufgenommen, von mittlerweile über 5’500 eingeschriebenen Melderinnen und Meldern. Die ornitho-Familie wächst weiterhin und nach der erfolgreichen Integration in Italien, Katalonien und mehreren Regionen in Frankreich wird mit Deutschland ein wichtiger Länderpartner mehr dem Verbund angehören.
Der Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) hat in seinem Monitoring-Rundbrief 1/2010 über die geplante Integration von “ornitho.de” ausführlich berichtet. Lesen Sie den Artikel in der beiliegenden pdf-Datei.
↓↓ ornitho.de – Auszug aus dem Monitoring-Rundbrief 1/2010 DDA (pdf-Datei, 622 KB)
Erste ziehende Schwarzstörche über Schaffhausen
Der Hochnebel lichtete sich heute, 17.03.2010, erst gegen Mittag. Was dieser Tag hinsichtlich des Vogelzuges wohl bringen mag? Über dem Galgenbuck öffnete sich zunehmend der blaue Himmel, während die Stadt Schaffhausen und der “Cholfirst” nur im Dunste des sich langsam auflösenden Hochnbels zu sehen waren. Der Vogelzug wurde heute mit einem Paukenschlag eröffnet, als bereits um 09:53 Uhr 2 Schwarzstörche tief über den Galgenbuck Richtung NE zogen. In der Folge setzte Zug bei Ringeltaube und Kernbeisser ein, der aber gegen 13:00 Uhr deutlich abnahm. An diesem Vormittag zogen u. a. 1 Schwarzmilan, 10 Rotmilane, 2 Sperber und 31 Mäusebussarde durch, ferner 346 Ringeltauben und 356 Kernbeisser.
Der Zugstau löst sich auf: Kiebitz & Co. auf dem Heimzug
Nach dem Ende der Bise und den Minustemperaturen von letzter Woche scheint sich jetzt die Wende anzubahnen. Überall schmilzt der Schnee auf den Feldern und Wiesen weg und der aufgeweichte Boden – bei zunehmend milder Witterung – ermöglicht für die hungrigen Vögel die erfolgreiche Nahrungssuche. Es ist davon auszugehen, dass Tausende von Vögeln (v. a. die in Mitleidenschaft gezogene Singdrossel und der Kiebitz) die Kältewochen nicht überlebt haben.
Umso erfreulicher die jetzige Wetterentwicklung, die auch für die kommenden Tage eine Annäherung zum Frühling verspricht. Heute Montag, 15.03.2010 zogen nachmittags 1284 Kiebitze, 959 Ringeltauben, 537 (!) Hohltauben, 4 Schwarzmilane und mind. 25 Mäusebussarde über Schaffhausen Richtung NE (Beobachter M. Roost und S. Trösch). Dies bringt zum Ausdruck, dass sich der Zugstau der letzten Tage und Wochen aufzulösen scheint und die Vögel der inneren Uhr folgend die Heimreise in ihre Brutgebiete antreten. In den nächsten Tagen dürfte der Vogelzug stark zunehmen.
Die Ornithologische Arbeitsgruppe Schaffhausen (OAS) hat in den vergangenen Jahren mit einem gemeinschaftlich angelegten Projekt bestätigt, dass die Stadt Schaffhausen entlang einer markanten Vogelzugachse liegt. Günstige Orte zum Beobachten des Vogelzuges sind z. B. der “Galgenbuck” in Neuhausen am Rheinfall, das “Säckelamtshüsli” oder der “Gretzenäcker” in Schaffhausen. Die Ergebnisse dieses Projektes können beim nachstehenden Link heruntergeladen werden.
↓↓ Ergebnisse Vogelzug-Pilotprojekt Herbst 2005 (pdf-Datei, 1.12 MB)
12 Kraniche im Radolfzeller Aachried
Seit Montag, 8. März 2010, halten sich im Radolfzeller Aachried zwischen Bohlingen und Moos 12 Kraniche (Grus grus) auf. Es sind 11 Altvögel sowie ein Jungvogel aus dem vergangenen Jahr. Tagsüber halten sich die Gäste auf einem alten Maisacker zum Fressen auf, zwischendurch wird die Radolfzeller Aachmündung zur Gefiederpflege aufgesucht. Mehrfach wurden Vögel bei der Balz beobachtet. Der Kranich ist im Bodenseegebiet ein alljährlicher Durchzügler im März/April und im Oktober/November. Überwinterungen sind sehr selten wie auch rastende Vögel nur ausnahmsweise gesehen werden. Meist werden diese eleganten Vögel hoch fliegend gesehen, wenn sie durch ihre markanten Rufe auf sich aufmerksam machen.
Zu diesem Artikel passende Berichte im Südkurier:
↑↑ Ausgabe vom 11.3.2010
↑↑ Ausgabe vom 13.3.2010
Interessanter Link zum Thema Kraniche
↑↑ Kranichschutz Deutschland
11 Vogelarten an einer schneefreien Stelle im Dorf
Die fast einwöchige Bise, begleitet von einem erneuten Wintereinbruch mit Schnee und Minustemperaturen, nahm am 12.03.2010 ihr (vorläufiges) Ende. Die Landschaft zeigt sich immer noch teilweise schneebedeckt. Im schaffhauser Dorf Hofen, an der nordöstlichen Kantonsgrenze zu Baden-Württemberg gelegen, wurde mitten im Dorf auf einer Wiese neben der Hauptstrasse die oberste Schicht abgetragen. Nicht weniger als 11 Vogelarten gesellten sich unter dem Nahrungsdruck zu einem Stelldichein. Allerdings erfolgte die Nahrungssuche nicht ohne aggressives Verhalten (Futterneid). Vor allem die Kiebitze zeigten sich sehr aggressiv, sowohl gegenüber ihren Artgenossen als auch gegen alle anderen Vögel. Ein Kiebitz wurde am Auge verletzt auf der gegenüberliegenden Strassenseite bei einem Bauernhof angetroffen. Er konnte nicht gegriffen werden und flog davon.
Folgende Arten waren über Mittag und innert einer Stunde zu sehen:
1 Rotmilan, 3 Mäusebussarde, 8 Kiebitze, 1 Wiesenpieper, 20 Bachstelzen, 1 Hausrotschwanz, 1 Schwarzkehlchen, 5 Wacholderdrosseln, 10 Singdrosseln, 2 Rabenkrähen und 30 Stare.
Schneeflucht am Bodensee mit vielen Drosseln
Am 06.03.10 schneite es am Vormittag in weiten Teilen des Bodenseegebietes und der Schweiz während Stunden. So schnell dieser Wintereinbruch eintrat, so rasch wechselte er am späten Vormittag wieder in recht sonniges, aber immer noch abwechslungsreiches Wetter. Nur Minuten nach Ende des Schneefalles setzte vielerorts eine Massenbewegung von Drosseln ein, die in westliche Richtung zogen (Umkehrzug), allen voran Singdrosseln, aber auch Wacholder-, Mistel- und Rotdrosseln, so gesehen in der Region Schaffhausen und in den Feldfluren südlich Singen.
Inmitten dieser spektakulären Winterfluchtbewegung hielten sich am 06.03.2010 zwischen Bohlingen und Moos (westlicher Bodensee) bis 48 Goldregenpfeifer auf den Wiesen auf, ferner auch bis zu 300 rastende Kiebitze, am 07.03.2010 sogar 53 Goldregenpfeifer und mehr als 450 nach West ziehende Kiebitze. Goldregenpfeifer sind auf ihrem Zug (Oktober/November, Februar/März) meist nur in einzelnen oder in kleinen Gruppen anzutreffen, zudem gerne mit Kiebitzen vergesellschaftet. Truppgrössen wie im vorliegenden Falle sind selten und stehen mit den besonderen Wetterverhältnissen (Zugstau) im Zusammenhang.
Steppenmöwen am Bodensee
Die Steppenmöwe Larus cachinnans wurde in der Schweiz 1997 zum ersten Mal nachgewiesen. Sie gleicht der in der Schweiz verbreitet auftretenden Mittelmeermöwe Larus michahellis, unterscheidet sich aber mit strukturellen Merkmalen. Der winterliche Einflug der im Osten beheimateten Steppenmöwe bei uns beginnt mit einzelnen Individuen im Herbst, meist aber mit einem markanten Schub Mitte/Ende Dezember. Interessanterweise konzentrierft sich das winterliche Vorkommen am Bodensee, während sie z. B. in der übrigen Schweiz nur an wenigen Stellen, dabei auch in kleinerer Zahl erscheint. Am Bodensee ist die Steppenmöwe regelmässig in grösserer Zahl im Vorarlberger Rheindelta, im Eriskircher Ried (Rotachmündung), gelegentlich im Ermatinger Becken und v. a. in der Steinacher Bucht (Arbon-Steinach) zu beobachten. Dort sind regelmässig Ansammlungen von 20- 50 Ind. zu sehen. Möglicherweise profitieren diese Vögel, neben den ebenfalls häufigen Mittelmeer-, Lach- und Sturmmöwen von Fischereiabfällen, die auf steinacher Seite ausgelegt werden.
ornitho.ch: Vogelbeobachtungen online eingeben
Seit 2006 ist die zunächst in der Westschweiz verbreitete Möglichkeit zur online-Eingabe von Vogelbeobachtungen nun flächendecken für die Schweiz und das angrenzende Ausland ausgebaut worden. Ornitho.ch zählt bereits über 4600 eingeschriebene Feldornithologinnen und Feldornithologen, Tendenz zunehmend. Die auf den Servern liegende Datenmenge ist beeindruckend. Im Jahre 2008 sind rund 551’000 Daten eingegeben worden, im Jahre 2009 bis Ende Oktober bereits über 580’000! Der Entwickler Gaëtan Delaloye hat mit Unterstützung der Schweizerischen Vogelwarte Sempach ein professionelles Mittel geschaffen, nicht nur um Daten einzugeben, sondern den Benutzern auch vielfältige Abfragemöglichkeiten anzubieten. Besonders hervorzuheben ist z. B. das Kartografietool, mit dem punktgenau eine Beobachtung eingegeben werden kann. Mittlerweile ist das System auch in anderen Ländern und Regionen im Einsatz (siehe nachstehende Links).
↑↑ Onlinedateneingabe Provençe (Camargue)
↑↑ Onlinedateneingabe Italien

Die Anmeldung ist einfach. Neben verschiedenen (und später noch änderbaren) Grundeinstellungen für die Anzeige und Auflistung von Daten ist es wichtig, dass unter “Personalisierung der Site” ganz unten im Feld “Datenexport” ein Häkchen im Kästchen gesetzt wird, mit dem Sie den Datenexport an die Vogelwarte Sempach gestatten. Nur so stehen Ihre wertvollen Beobachtungen für Auswertungen zur Verfügung. Dies gilt auch für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Bodensee (OAB).
Für die Eingabe Ihrer Beobachtungen klicken Sie auf der linken Navigationsspalte auf “Beobachtungen melden/löschen”. Es öffnet sich das Kartografietool. Mit Doppelklick oder Mausradbewegung vergrössert sich der Kartenausschnitt auf die Massstäbe 1:100’000, 1:50’000 und 1:25’000. Sie können die Karte mit festgehaltener linker Maustaste in jede Richtung bis zum gewünschten Ort ziehen. Die Kartenausschnitte 1:50 und 1:25’000 zeigen dann blaue oder gelbe Punkte. Klicken Sie auf jenen Punkt im Kilometer-Quadrat, in dem Sie Ihre Beobachtung gemacht haben, bzw. jetzt eingeben wollen. Es öffnet sich eine Auswahlbox, wo Sie zwischen zwischen drei Eingabemöglichkeiten wählen können.
Bevorzugt wird das Tagesblatt, welche die rasche Eingabe von Beobachtungen von einem Ort ermöglicht, sofern Sie dort mindestens eine halbe Stunde beobachtet haben und sämtliche beobachteten Vögel eintragen wollen.
. . . . .
↑↑ ornitho.ch
↓↓ Kartografietool ornitho (Wegleitung, pdf, 1.5 mb)
Erstnachweis des Orpheusspötters im Kanton Schaffhausen
Am 28.06.09 entdeckte ich bei einem spontanen Besuch der Kiesgrube Wasserfallen in Hallau SH einen singenden Orpheusspötter. Es konnten sowohl Foto- als auch Audiobelege gemacht werden. Die sich von Spanien und Frankreich langsam gegen Osten ausbreitende Art kommt zunehmend in der Westschweiz und im Wallis vor und hat nun auch den nördlichsten Zipfel der Schweiz erreicht. Für den Kanton Schaffhausen bedeutet dies den Erstnachweis.
Schlagschwirl bei D-Möggingen
Seit 09.06.09 singt in einer von Weidenbüschen und Bäumen umgebenen dichten Krautfläche bei Möggingen (Mindelsee) ein Schlagschwirl. Der faszinierende Gesang dieses seltenen Gastes ist von weitem zu hören.

















































































Kommentare