Erneuter Wintereinbruch — Zugstau bei Kiebitzen, Feldlerchen & Co.
Viele Menschen haben sich am Morgen des 20.02.2011 wohl die Augen gerieben, als bis in tiefe Lagen einige Zentimeter Schnee gefallen sind und sich der Winter zurückgemeldet hat. Wir erinnern uns an die ersten Märztage im vergangenen Jahr, als ein Wintereinbruch mit Schnee, Frost und einer harten Bise viele Vögel auf ihrem Heimzug zur Umkehr zwang. Kiebitze waren damals ebenso betroffen, wie Tausende von Drosseln und anderen Kleinvögeln. Siehe: http://shorebirder.wordpress.com/2010/03/07/schneeflucht-am-bodensee-mit-vielen-drosseln/
Am 19.02.2011 wurde im Vorarlberger Rheindelta bereits ein rastender Kiebitztrupp von 400- 500 Ind. gemeldet (A. Schönenberger, N. Orgland, A.&M. Breier in www.ornitho.ch), der sich auch noch am Folgetag dort aufhielt. Am 21.02.11 häuften sich die Meldungen über ziehende/rastende Kiebitze. S. Trösch konnte an der RadolfzellerAachmündung bei Moos 368 Kiebitze beobachten, zuvor schon 135 Ind. bei Dörflingen SH und M. Roost zählte 82 Ind. bei Guntmadingen im Schaffhauser Klettgau. Am 22.02.2011 wurden bei weiterhin winterlichen Verhältnissen und bei teilweise gefrorenen Böden viele Trupps zur Rast gezwungen, z. B. 402 Ind. bei Dörflingen SH und 282 Ind. im Radolfzeller Aachried (S. Trösch), 420 Ind. bei Frauenfeld (H. Leuzinger), 480 Ind. im Ermatinger Becken (S. Trösch) und 128 Ind. im Eriskircher Ried (G. Knötzsch). Unter dem Einfluss von aus Nordeuropa strömender Kaltluft sanken die Temperaturen nochmals kräftig, im Bodenseegebiet am 23.02.11 bis -11°C und in der Region Schaffhausen bis -7°C. Im Hegau gab es am 23.02.2011 an mehreren Stellen Beobachtungen von rastenden Trupps mit 90-340 Ind. (J. Marschner, S. Trösch), im Radolfzeller Aachried waren immer noch 120 Ind. und bei Schlatt TG (westlich Schaffhausen) wurde ein rastender Trupp mit 400-500 Ind. gesehen (P. Monhart, R. Steinemann, G. Lang). Sämtliche Beobachtungsdaten aus www.ornitho.ch.
Über www.ornitho.ch können die aktuellen Beobachtungen und Zugbewegungen in der Schweiz und im grenznahen Ausland online mitverfolgt werden. Spezielle Verbreitungskarten – wie z. B. beim Kiebitz – zeigen täglich die beobachteten Heimkehrer an, so wie sie als Zufallsbeobachtungen eingegeben werden. Die Karte zeigt derzeit ein massiertes Auftreten des Kiebitz in der Nord-Ostschweiz. Auch andere jetzt ziehende Arten zeigen Stauverhalten. Bei der Feldlerche z. B. konnte S. Trösch in diesen Tagen an mehreren Orten zwischen Bodensee und Schaffhausen Trupps von 500-1000 Ind. beobachten.
Morgenstimmung bei Moos mit Fischadler & Co.

Blick von Moos auf die Insel Reichenau und die Allgäuer Alpen/Vorarlberge am 27.03.2010 (Foto S. Trösch)
Der Temperatursturz der letzten Tage von 22°C auf rund 7°C zeigte an, dass sich der Winter nur ungern verabschieden will. Bei frischen Temperaturen und wechselhafter Witterung mit Sonne und Regentropfen heute Samstagmorgen, 27.03.2010, beobachtete ich wie so oft auf dem Bootssteg bei Moos / Radolfzeller Aachmündung und genoss die wunderschöne Stimmung. Auf dem Bootssteg empfingen mich um 07:20h etwa 20 auf dem Geländer sitzende Rauchschwalben, die später dann über dem Wasser nach Insekten jagten. Schmelzwasser und Regen der letzten Tage hatte den Bodenseewasserstand um rund 20cm ansteigen lassen, was sich im Gebiet an der Aachmündung mit geschrumpfter Sandbank und schmalerem Schlickstreifen vor dem Schilfrand niederschlug (Bodensee-Pegel Konstanz bei 293cm). Das Blaukehlchen zeigte sich heute Vormittag nicht, vielmehr waren es etwa 8 Rohrammern und rund 10 Zilpzalpe, die sich in dieser Zone aufhielten. Auf der Sandbank war eine kleine Limikolenparade mit 7 Alpenstrandläufern, 6 Kiebitzen, 4 Kampfläufern, 3 Flussregenpfeifern (z. T. balzend) und 4 Grossen Brachvögeln zu sehen, ein Silberreiher sass stoisch am Schilfrand und unweit davon zeigte sich erneut ein männlicher Fasan. Das wiederholte Absuchen des Horizontes nach ziehenden Vögeln wurde mit der Entdeckung eines um 08:50 Uhr durchziehenden Fischadlers “belohnt”. Er zog tief über das Gebiet und passierte Radolfzell in Richtung der Halbinsel Mettnau. Weiterhin auffällig ist der grosse Trupp Schwarzhalstaucher (heute mind. 122 Ind.), mit vielen balzenden Paaren. Ferner ist der junge Zwergschwan immer noch anwesend. Er hat den Abzug der im Ermatinger Becken überwinternder Familie offenbar verpasst oder scheint geschwächt zu sein. Ob er bei Moos übersommern wird? Neben diesem vielfältigen Vogelgeschehen mit über 45 beobachteten Arten war die landschaftliche Stimmung ebenso beeindruckend, indem die ungewohnt und föhnbedingt sehr nahe liegenden Allgäuer Alpen (wahrscheinlich) mit der Insel Reichenau wie verschmelzt erschienen.
Der Fischadler kann auf dem Heimzug ab Mitte März beobachtet werden, mit einem Gipfel in der ersten Aprilhälfte und einem bis in den Mai hinein andauernden Zug. Aus dem Bodenseegebiet liegen aus den vergangenen Jahren sogar ein paar Juni-Nachweise vor.
Die nebenstehende Karte zeigt die bisher auf dem Heimzug 2010 beobachteten Fischadler in der Schweiz (Quelle: www.ornitho.ch).
Der Zugstau löst sich auf: Kiebitz & Co. auf dem Heimzug
Nach dem Ende der Bise und den Minustemperaturen von letzter Woche scheint sich jetzt die Wende anzubahnen. Überall schmilzt der Schnee auf den Feldern und Wiesen weg und der aufgeweichte Boden – bei zunehmend milder Witterung – ermöglicht für die hungrigen Vögel die erfolgreiche Nahrungssuche. Es ist davon auszugehen, dass Tausende von Vögeln (v. a. die in Mitleidenschaft gezogene Singdrossel und der Kiebitz) die Kältewochen nicht überlebt haben.
Umso erfreulicher die jetzige Wetterentwicklung, die auch für die kommenden Tage eine Annäherung zum Frühling verspricht. Heute Montag, 15.03.2010 zogen nachmittags 1284 Kiebitze, 959 Ringeltauben, 537 (!) Hohltauben, 4 Schwarzmilane und mind. 25 Mäusebussarde über Schaffhausen Richtung NE (Beobachter M. Roost und S. Trösch). Dies bringt zum Ausdruck, dass sich der Zugstau der letzten Tage und Wochen aufzulösen scheint und die Vögel der inneren Uhr folgend die Heimreise in ihre Brutgebiete antreten. In den nächsten Tagen dürfte der Vogelzug stark zunehmen.
Die Ornithologische Arbeitsgruppe Schaffhausen (OAS) hat in den vergangenen Jahren mit einem gemeinschaftlich angelegten Projekt bestätigt, dass die Stadt Schaffhausen entlang einer markanten Vogelzugachse liegt. Günstige Orte zum Beobachten des Vogelzuges sind z. B. der “Galgenbuck” in Neuhausen am Rheinfall, das “Säckelamtshüsli” oder der “Gretzenäcker” in Schaffhausen. Die Ergebnisse dieses Projektes können beim nachstehenden Link heruntergeladen werden.
↓↓ Ergebnisse Vogelzug-Pilotprojekt Herbst 2005 (pdf-Datei, 1.12 MB)
11 Vogelarten an einer schneefreien Stelle im Dorf
Die fast einwöchige Bise, begleitet von einem erneuten Wintereinbruch mit Schnee und Minustemperaturen, nahm am 12.03.2010 ihr (vorläufiges) Ende. Die Landschaft zeigt sich immer noch teilweise schneebedeckt. Im schaffhauser Dorf Hofen, an der nordöstlichen Kantonsgrenze zu Baden-Württemberg gelegen, wurde mitten im Dorf auf einer Wiese neben der Hauptstrasse die oberste Schicht abgetragen. Nicht weniger als 11 Vogelarten gesellten sich unter dem Nahrungsdruck zu einem Stelldichein. Allerdings erfolgte die Nahrungssuche nicht ohne aggressives Verhalten (Futterneid). Vor allem die Kiebitze zeigten sich sehr aggressiv, sowohl gegenüber ihren Artgenossen als auch gegen alle anderen Vögel. Ein Kiebitz wurde am Auge verletzt auf der gegenüberliegenden Strassenseite bei einem Bauernhof angetroffen. Er konnte nicht gegriffen werden und flog davon.
Folgende Arten waren über Mittag und innert einer Stunde zu sehen:
1 Rotmilan, 3 Mäusebussarde, 8 Kiebitze, 1 Wiesenpieper, 20 Bachstelzen, 1 Hausrotschwanz, 1 Schwarzkehlchen, 5 Wacholderdrosseln, 10 Singdrosseln, 2 Rabenkrähen und 30 Stare.
Schneeflucht am Bodensee mit vielen Drosseln
Am 06.03.10 schneite es am Vormittag in weiten Teilen des Bodenseegebietes und der Schweiz während Stunden. So schnell dieser Wintereinbruch eintrat, so rasch wechselte er am späten Vormittag wieder in recht sonniges, aber immer noch abwechslungsreiches Wetter. Nur Minuten nach Ende des Schneefalles setzte vielerorts eine Massenbewegung von Drosseln ein, die in westliche Richtung zogen (Umkehrzug), allen voran Singdrosseln, aber auch Wacholder-, Mistel- und Rotdrosseln, so gesehen in der Region Schaffhausen und in den Feldfluren südlich Singen.
Inmitten dieser spektakulären Winterfluchtbewegung hielten sich am 06.03.2010 zwischen Bohlingen und Moos (westlicher Bodensee) bis 48 Goldregenpfeifer auf den Wiesen auf, ferner auch bis zu 300 rastende Kiebitze, am 07.03.2010 sogar 53 Goldregenpfeifer und mehr als 450 nach West ziehende Kiebitze. Goldregenpfeifer sind auf ihrem Zug (Oktober/November, Februar/März) meist nur in einzelnen oder in kleinen Gruppen anzutreffen, zudem gerne mit Kiebitzen vergesellschaftet. Truppgrössen wie im vorliegenden Falle sind selten und stehen mit den besonderen Wetterverhältnissen (Zugstau) im Zusammenhang.



























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